Dieser Tagesschauartikel vom 5.6.26 beschreibt die Probleme der historisch einmalig hohen und schnell wachsenden globalen Staats-, Unternehmens- und Privatschulden anhand der aktuellen Situation in den USA. Wann und wie sollen die US Bürger und ihre Nachkommen 120 000 $ pro Kopf plus Zinsen zurückzahlen?
In diesen Krisen zeigt sich eine Analogie zwischen biologischer und kultureller Evolution: Das plötzliche Aussterben vieler Arten durch Umkippen ihres Ökosystems kann nach meiner Ansicht mit den vielen verheerenden Wirtschaftskrisen unserer Geschichte verglichen werden. In seinen Büchern beschreibt Paul C. Martin die weniger bekannten Krisen der antiken Hochkulturen und der Neuzeit bis hin zu dem ökonomischen Zusammenbruch von 1929. Oft wurden dabei völlig überraschend Phasen relativen Wohlstands durch ein Massensterben von Unternehmen beendet. Trotz unterschiedlichster Abläufe wurden sie alle von Massenarbeitslosigkeit und von der Vernichtung auch größerer Vermögen durch Hyperinflation, Deflation oder eine Kombination beider Abläufe bestimmt. Im ersten Fall wird das Geld wertlos, im zweiten Fall verschwindet es Großteils durch Konkurse und Staatsbankrotte aus der Zirkulation.
Die Wirtschaft bricht plötzlich wegen der hohen Preise oder wegen der vielen Unternehmenspleiten zusammen. In der Krise von 1929 sank z.B. die Industrieproduktion der USA um ca. 50%. Trotz dieser historischen Erfahrungen ist Wachstum auch heute ein selbstverständliches, kaum in Frage gestelltes Ziel der Wirtschaftspolitik. Grenzen des Wachstums sind nicht vorgesehen. Was waren die Ursachen dieser Krisen?
Der Verleih von Geld gegen Zinsen ist immer mit der Erwartung verbunden, dass man als Belohnung für den Konsumverzicht und das Risiko Monate oder Jahre später durch die Zinsen mehr Geld zurück bekommt und mehr kaufen kann als zum Zeitpunkt der Geldanlage. Dies funktioniert jedoch nur, wenn auch mehr produziert und verkauft wird.
Die Warenproduktion bindet ständig Geld, das verzinst wird. Die „Geldmenge“ und damit der Wert aller Geldanlagen wächst somit kontinuierlich exponentiell und ohne Grenze. Die Schuldner müssen bis zur Rückzahlung mehr produzieren, als bei der Aufnahme der Kredite verfügbar war, genauer gesagt, sie müssen mehr verkaufen, mehr zahlungsfähige Nachfrage finden. Wie kommt nun aber das zusätzliche Geld in die Zirkulation, das die Zahlung der wachsenden Zinslasten ermöglicht?
Da Geldscheine immer Schuldscheine sind müssen immer wieder neue Schuldner, gefunden werden, die Kredite aufnehmen und damit das fehlende Geld durch Warenkäufe oder Investitionen bereitstellen. Ihre zusätzliche zahlungsfähige Nachfrage wird unbedingt benötigt. Das Geld, mit dem die aktuellen Schuldner ihre Zinsen bezahlen, kommt nur durch neue Schulden in die Zirkulation. Diese können von Konsumenten, Unternehmen oder Staaten gemacht werden.
Es gibt also nicht nur einen Wachstums-, sondern auch einen exponentiellen Verschuldungszwang. Wenn die Unternehmen und Konsumenten zu wenig Schulden machen, übernimmt der Staat diese Rolle und sorgt mit Konjunkturprogrammen für das Wachstum der Produktion, macht dabei jedoch größere eigene Schulden.
Die Probleme entstehen allmählich, wenn das reale BSP langsamer wächst als die Schulden dieser drei Akteure. Das prinzipiell mögliche Wirtschaftswachstum wird letztlich durch die Grenzen des Staates bzw. die Endlichkeit der Erdoberfläche begrenzt. Da das Wachstum der Schulden jedoch unbegrenzt weiter läuft, muss es irgendwann zu einem Anpassungsprozess kommen, der Schulden und damit Vermögen beseitigt, die nicht durch Verkauf zusätzlicher Waren und Dienstleistungen bezahlt werden können. Diese Krisen sind immer mit schweren politischen Instabilitäten und Kriegen verbunden. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 war die wichtigste Voraussetzung für den Aufstieg des Nationalsozialismus.
Auch heute beunruhigt die allgemeine Staatsverschuldung zu Recht die Geldanleger. Daher wird verzweifelt versucht, durch niedrigste Zinsen und aggressive Werbung für Produkte und Kredite die notwendige Nachfrage bzw. Verschuldung zu schaffen. Die große Krise wird kommen, wenn genügend Geldanleger Angst um ihr investiertes Geld haben und es schnell zurück haben wollen. Dies gilt leider auch für Staatsanleihen.